Die
ersten "Galgenlieder" schrieb Christian Morgenstern schon in
den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur Unterhaltung für
einen Freundeskreis, der sich bei Gelegenheit eines fröhlichen Ausfluges
zum Werderschen Galgenberg bei Potsdam den Namen "Galgenbrüder"
zulegte.
Obwohl die deutsche Literatur bereits einen Wilhelm Busch besaß
und das deutsche Kabarett durch O.J. Bierbaum, O.E. Hartleben, L. Thoma
und andere Dichter der heiteren Satire seine erste Glanzzeit
bereits hinter sich hatte, erregten die Galgenlieder zunächst Unverständnis
und Kopfschütteln. Immerhin war man bereit, sich über dieses
originelle Spiel mit der Sprache, das man als Sprachclownerien eines feinsinnigen
Lyrikers erklärte, zu amüsieren. Später erkannte man, dass
sich hinter diesen parodistischen und phantasievollen Grotesken, diesen
übermütigen Wortspielereien einer der ersten "Proteste"
gegenüber einer materialistischen Zeit verbarg, die noch völlig
naiv im Glauben an den "Auf-Klärus" der auf der Höhe
ihrer Herrschaft thronenden Wissenschaften und des Positivismus befangen
war. Heute gehören diese hintergründigen Zeit- und Selbstparodien
des allzufrüh, mit dreiundvierzig Jahren, gestorbenen Dichters zum
Besitz der deutschen Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts. |