Was aber den "Garten Immergrün" von ähnlichen Volksliedersammlungen
unterscheidet, ist: Bei seiner Anlage entschied das Dichterische und nichts
anderes, so wie auch nur dieses Dichterische das "Wunderhorn"
bestimmt hatte, das eben darum trotz allen gelehrten Bedenken das Volksliederbuch
der Deutschen ist.
Was in ihm steht, wird stehen, solange die deutsche Sprache gesprochen
werden wird. Und weil "Das Knaben Wunderhorn" von mir als unzerstörbare
Einheit empfunden wurde, kam in den "Garten Immergrün",
der den Ergeiz hat, eine Ergänzung der Arbeit Brentanos und Arnims
zu sein, nur das, was nicht in "Des Knaben Wunderhorn" enthalten
ist.
Die Volkslieder, die seit "Des Knaben Wunderhorn" gefunden wurden
und in ihrer Gänze noch nicht von einem Dichter angeschaut wurden,
die befreite ich aus der Haft gelehrter Werke und löste sie aus der
Umklammerung des Historischen, Lokalbedingten.
Keine Dokumente werden hier aufgebahrt, sondern Dichtungen wachsen da
wie das Gras aus der Erde.
Ihre Dichter sind jene geheimnisvoll Auftauchenden, geheimnisvoll Untergebenden,
die für einen Augenblick in ihrem Leben Dichter werden, noch stammelnd
und schon inmitten der Seligkeit großer Kunst. Wenn die ausgeplünderten
Bauern von der "lieben Frucht" sprechen, wenn der Tote, Abschied
nehmend von allem Gelebten, auch seines Feindes gedenkt: "Gute Nacht,
gute Nacht, liebster Gegenteil", wenn die Maria der Krippe in höchster
Scham ruft: "Alle Welt schaut ja zur Tür herein", wenn
der Schiffmann von Maria für die Überfahrt ihre "höchste
Ehr" begehrt und sie dann über Meer wandelt, während die
Glocken, groß und klein, klingen und wenn dieses Gedicht endet:
Maria kniet auf einem Stein;
Dem Schiffmann sprang sein Herz entzwei. - so ist da Großes über
alle innige Süße, zu der das deutsche Volkslied meist verfälscht
wird.
Es waren Dichter, aber das Leben gestattete ihnen nicht mehr als ein Gedicht,
alle ihre Verse vorher waren Vorbereitung zu dem einen Gedicht, alle Verse
nachher Wiederholung des einen Gedichts; vorher und nachher wurden vergessen,
aber das Gedicht blieb - das ist die Geschichte, das ist die Sage des
Volksliedes. Und das ist sein Wunder: Hier steigt einer der großen
Namenlosen so sehr aus dem Grund von uns allen, der Volk heißt,
wie keiner der bewusst formenden Dichter es mehr kann, und erreicht so
sehr das unaussprechlich Himmlische gültiger Dichtung, wie Seltene
der bewusst formenden Dichter in seltenen Augenblicken.
Darum: Viele sind der Dichter des Volksliedes, doch sind sie ein Dichter:
das Volk. Das Individiuum, zählt nicht, das Ganze gilt. Das Anonyme,
das alle Kunst irgendwie anhaften muss, ist Vater und Mutter zugleich
dieser Dichtung. Und weil jene Scham des Künstlers, die Anonymität
verlangt, immer mehr an einen fragwürdigen durch Druckerschwärze
und Holzpapier garantierten persönlichen Ruhm verraten wird (jeder
möchte seinen Namen bewahrt wissen und nicht sein Werk), deshalb
hat das Volkslied wenige Blüten in unserer Zeit.
Büchners Woyzeck, von dem man meinen könnte, dieser Wehrmann
und Füselier sei einer der namenlosen Dichter eines Volkslieds, sagt:
"Hohl! Alles hohl! ein Schlund, es schwankt... Hörst du es wandert
was mit uns, da unten wandert was mit uns!" Diese Ahnung einer Dunkelheit,
stärker als die Erscheinung des Tages, verbunden mit einem Ringen
um das Licht, um das Wort, dieses (und nicht die vielbesungene Naivität)
ist erstes Element aller Volksdichtung, aber es ist für Deutschland
nur in Fragmenten, in Resten vorhanden, da die Sammler es entweder als
nicht "poetisch oder als subversiv"
ansahen. Es ging unter und nur Stücke davon sind aus dem Vineta des
Vergessens zu bringen.
So kommt es, dass das deutsche Volkslied zuweilen lichter aussieht, süßer
schmeckt, als das deutsche Volk ist. Das Komplement zur Innigkeit in Freude
und Schmerz, in Arbeit und Wanderschaft ist nicht mehr zur Gänze
aufzubringen.
Immer sind die Strophen des Volkslieds ungleich in ihrem Wert, sie haben
in sich das äußere Schicksal ihrer Dichter: wie ein ins Wasser
Gefallener, des Schwimmens als einer Kenntnis unkund, sich mit instinktiven
Stößen über Wasser zur Luft einen Augenblick hochtreibt.
Aber ihr Untergang ist nicht von ihrem Aufgang zu lösen. Erst das
Ganze hat in seiner Ungefügheit jener schönen etwas spröden
unsagbaren Schimmer, der Volk heißt und der den Höchsten wie
den Niedersten umglänzt, ohne dass einer es weiß. Oskar
Maurus Fontana
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