Literatur
Zusammenstellung von Liederbüchern aus meinem Privatarchiv

Der Garten Immergrün

Herausgeber:
Oskar Maurus Fontana 1922
Verlag: E.P. Tal & Co. Verlag Leipzig, Wien, Zürich
Grösse: 19cm x 10,5cm x 2,5cm
Anmerkung: Diese Sammlung beinhaltet 332 Lieder, mit einem Inhaltsverzeichnis, nach Liedanfängen geordnet, jedoch ohne Noten. Der größte Teil der Lieder sind unbekannte oder weniger bekannte Lieder.

Im Anhang schreibt der Herausgeber:
S
eit den Tagen der Herder, Brentano, Arnim haben viele die Volkslieder gesammelt: Musiker, Narren, Professoren, Wandervögel, Nationale. Ein Dichter war nicht darunter. Er wurde nur herangezogen, wenn "Das Knaben Wunderhorn" in neuer Auswahl oder mit neuen Zutaten erscheinen sollte. Ja, selbst ein Görres und Uhland waren bei ihren Sammlungen zuerst Philologen, ja Uhland so sehr, dass seine wundervollen Funde ("Alte hoch und niederdeutsche Lieder") erst wieder gefunden werden müssten und müssen- jenseits der Gelehrsamkeit.

xxxDer Garten Immergrün

Was aber den "Garten Immergrün" von ähnlichen Volksliedersammlungen unterscheidet, ist: Bei seiner Anlage entschied das Dichterische und nichts anderes, so wie auch nur dieses Dichterische das "Wunderhorn" bestimmt hatte, das eben darum trotz allen gelehrten Bedenken das Volksliederbuch der Deutschen ist.
Was in ihm steht, wird stehen, solange die deutsche Sprache gesprochen werden wird. Und weil "Das Knaben Wunderhorn" von mir als unzerstörbare Einheit empfunden wurde, kam in den "Garten Immergrün", der den Ergeiz hat, eine Ergänzung der Arbeit Brentanos und Arnims zu sein, nur das, was nicht in "Des Knaben Wunderhorn" enthalten ist.
Die Volkslieder, die seit "Des Knaben Wunderhorn" gefunden wurden und in ihrer Gänze noch nicht von einem Dichter angeschaut wurden, die befreite ich aus der Haft gelehrter Werke und löste sie aus der Umklammerung des Historischen, Lokalbedingten.
Keine Dokumente werden hier aufgebahrt, sondern Dichtungen wachsen da wie das Gras aus der Erde.
Ihre Dichter sind jene geheimnisvoll Auftauchenden, geheimnisvoll Untergebenden, die für einen Augenblick in ihrem Leben Dichter werden, noch stammelnd und schon inmitten der Seligkeit großer Kunst. Wenn die ausgeplünderten Bauern von der "lieben Frucht" sprechen, wenn der Tote, Abschied nehmend von allem Gelebten, auch seines Feindes gedenkt: "Gute Nacht, gute Nacht, liebster Gegenteil", wenn die Maria der Krippe in höchster Scham ruft: "Alle Welt schaut ja zur Tür herein", wenn der Schiffmann von Maria für die Überfahrt ihre "höchste Ehr" begehrt und sie dann über Meer wandelt, während die Glocken, groß und klein, klingen und wenn dieses Gedicht endet:
Maria kniet auf einem Stein;

Dem Schiffmann sprang sein Herz entzwei. - so ist da Großes über alle innige Süße, zu der das deutsche Volkslied meist verfälscht wird.
Es waren Dichter, aber das Leben gestattete ihnen nicht mehr als ein Gedicht, alle ihre Verse vorher waren Vorbereitung zu dem einen Gedicht, alle Verse nachher Wiederholung des einen Gedichts; vorher und nachher wurden vergessen, aber das Gedicht blieb - das ist die Geschichte, das ist die Sage des Volksliedes. Und das ist sein Wunder: Hier steigt einer der großen Namenlosen so sehr aus dem Grund von uns allen, der Volk heißt, wie keiner der bewusst formenden Dichter es mehr kann, und erreicht so sehr das unaussprechlich Himmlische gültiger Dichtung, wie Seltene der bewusst formenden Dichter in seltenen Augenblicken.

Darum: Viele sind der Dichter des Volksliedes, doch sind sie ein Dichter: das Volk. Das Individiuum, zählt nicht, das Ganze gilt. Das Anonyme, das alle Kunst irgendwie anhaften muss, ist Vater und Mutter zugleich dieser Dichtung. Und weil jene Scham des Künstlers, die Anonymität verlangt, immer mehr an einen fragwürdigen durch Druckerschwärze und Holzpapier garantierten persönlichen Ruhm verraten wird (jeder möchte seinen Namen bewahrt wissen und nicht sein Werk), deshalb hat das Volkslied wenige Blüten in unserer Zeit.

Büchners Woyzeck, von dem man meinen könnte, dieser Wehrmann und Füselier sei einer der namenlosen Dichter eines Volkslieds, sagt: "Hohl! Alles hohl! ein Schlund, es schwankt... Hörst du es wandert was mit uns, da unten wandert was mit uns!" Diese Ahnung einer Dunkelheit, stärker als die Erscheinung des Tages, verbunden mit einem Ringen um das Licht, um das Wort, dieses (und nicht die vielbesungene Naivität) ist erstes Element aller Volksdichtung, aber es ist für Deutschland nur in Fragmenten, in Resten vorhanden, da die Sammler es entweder als nicht "poetisch oder als subversiv"
ansahen. Es ging unter und nur Stücke davon sind aus dem Vineta des Vergessens zu bringen.
So kommt es, dass das deutsche Volkslied zuweilen lichter aussieht, süßer schmeckt, als das deutsche Volk ist. Das Komplement zur Innigkeit in Freude und Schmerz, in Arbeit und Wanderschaft ist nicht mehr zur Gänze aufzubringen.

Immer sind die Strophen des Volkslieds ungleich in ihrem Wert, sie haben in sich das äußere Schicksal ihrer Dichter: wie ein ins Wasser Gefallener, des Schwimmens als einer Kenntnis unkund, sich mit instinktiven Stößen über Wasser zur Luft einen Augenblick hochtreibt. Aber ihr Untergang ist nicht von ihrem Aufgang zu lösen. Erst das Ganze hat in seiner Ungefügheit jener schönen etwas spröden unsagbaren Schimmer, der Volk heißt und der den Höchsten wie den Niedersten umglänzt, ohne dass einer es weiß. Oskar Maurus Fontana

nach oben!